Dank Arbeitsgedaechtnistraining fit fuer die Schule: Teil I

Serie Teil 1:   Dank Arbeitsgedächtnistraining fit für’s Gymnasium

Marcel Liechti, Gehirntrainer GfG, Master of Mathematics UZH

Bereits nach der Grundschule stehen Eltern, Schüler und Lehrer zum ersten Mal vor der Entscheidung, welche Schule in den nächsten Jahren besucht werden soll. Für den faulen Karl, der nie Lust hat, seine Hausaufgaben zu machen und dessen Zensuren eher bescheiden sind, könnte die Realschule erste Wahl sein, oder? Lisa dagegen, ein fleißiges Mädchen, das leider an einer Lese- und Rechtschreibschwäche leidet, könnte einen Versuch auf der Sekundarschule wagen. Jonathan, der absolute Musterschüler, muss aber unbedingt das Gymnasium besuchen, damit er später einmal Jura studieren kann. Klingt ja eigentlich ganz logisch. Aber ist solch eine „stupide“ Einteilung wirklich sinnvoll? Tun wir den Kindern damit – also mit einem solchen Schubladendenken – wirklich einen Gefallen? Und gibt es nicht vielleicht einen Weg, die schulischen Leistungen durch ein Arbeitsgedächtnis-Training zu fördern und zu verbessern? Am Ende dieses Artikels werden wir schlauer sein…

 

Bekannte Psychologen sind der grundsätzlichen Ansicht, dass die Potentiale von Schülern in der Schweiz, Deutschland und Oesterreich nicht gänzlich ausgeschöpft werden, vor allem, wenn es um die mentale Leistungsfähigkeit geht. In Studien konnte dann herausgefunden werden, dass ein gezieltes Arbeitsgedächtnis-Training die kognitiven Fähigkeiten von Schülern enorm steigern kann. Das wiederum heißt, dass es wenig Sinn macht, uns auf unserer „vorhandenen Intelligenz“ auszuruhen. Vielmehr sind wir beziehungsweise unsere Kinder und Enkelkinder mal wieder selbst gefordert.


Spannend sind ja die Untersuchungsergebnisse, dass schweizerische Menschen seit den Anfängen der Intelligenz-Messung bis in die 80er Jahre hinein immer intelligenter wurden. Dann passierte jedoch etwas Seltsames: die stetige Erhöhung der Intelligenz endete und die Werte stagnierten auf einem gleichbleibenden  Niveau. Zum Ende der 90er Jahre kam es sogar so weit, dass die Ergebnisse der Intelligenztests im Durchschnitt immer niedriger wurden. Wurden und werden die Menschen etwa immer dümmer? Und wenn ja, warum?

 

Um hierauf genauer eingehen zu können, müssen wir die Intelligenz – die eher ein kognitives Leistungsniveau als das Anhäufen von Fakten/ Wissen beschreibt – in zwei Lager teilen: die fluide Intelligenz sowie die kristalline Intelligenz. Im kristallinen Bereich finden wir das eben genannte Wissen, also alles, was wir gelernt und in unserem Oberstübchen abgespeichert haben. Der fluide Intelligenz ist eher für spontane Entscheidungen, für intuitive Handlungen oder schlussfolgerndes Denken zuständig.

 

Wichtig: Ohne fluide Intelligenz keine geistige Leistung! Und je größer die flüssige Intelligenz, desto schneller und einfacher ist die Abspeicherung von neuem Wissen!

 

Nicht nur in der Schweiz, sondern auch im europäischen Ausland, werden immer wieder Intelligenztests durchgeführt. Hier wird vor allem die Fähigkeit der fluiden Intelligenz festgestellt. Seit den 90er Jahren geht sie – durchschnittlich auf die Bevölkerung betrachtet – eher zurück. Eigentlich müsste man ja davon ausgehen, dass durch die vielen modernen technischen Hilfsmittel die Intelligenz gesteigert werden müsste. Doch leider sieht die Realität anders aus.

 

Die Frage ist nur, woher dieses Absinken der Durchschnittswerte kommt? Fest steht, dass sich unser biologischer Bauplan in den letzten Jahrzehnten kaum verändert haben kann. Natürlich gibt es die Evolution und einige ihrer „Experimente“ gehen auch schief, aber so schnell werden die Dinge auf unserem Planeten einfach nicht verändert. Also müssen die Gründe irgendwo außerhalb des menschlichen Körpers zu finden sein: in der Lebensweise! Den guten alten Fernseher gibt es noch nicht seit Ewigkeiten und zu seinen Anfängen konnten sich eh nur die betuchteren Menschen einen solchen leisten. Heute gehört er zur Grundausstattung eines jeden Haushaltes, oft auch in mindestens doppelter Ausführung. Unserem Gehirn tun wir mit Zeit vor der Flimmerkiste aber leider gar keinen Gefallen. Es wird in dieser Zeit einfach nicht benutzt. Ein weiterer Grund die sinkende Intelligenz ist der Bewegungsmangel. Wie bequem es doch ist, überall mit dem Auto hinzufahren. Aber leider nicht wirklich gesund, auch nicht für das Oberstübchen. Bei Bewegung wird nämlich die Neurogenese aktiviert, also die Neubildung von Gehirnzellen! Ja, richtig gelesen. Bewegung bringt Wachstumshormone, diese regen die Zellbildung an und wenn wir diese neuen Zellen dann auch noch benutzen und dadurch Synapsen zu anderen Gehirnzellen oder Neuronen bilden, wird unser Gehirn leistungsfähiger. Ähnliches gilt für Fast Food. Lecker und in Maßen auch in Ordnung. Aber auf Dauer alles andere als gesund!

Übertragen wir das ganze Mal auf den Schulalltag. Lehrer sehen täglich unzählige Schüler. Sie beurteilen – mehr oder weniger objektiv – die mündliche Beteiligung der Schüler und lassen sie in regelmäßigen Abständen Klausuren schreiben, um anhand der Zensuren zu sehen, wie der Leistungsstand eines jedes Einzelnen aussieht. Allerdings geht das Denken einiger Lehrer – nicht aller, das muss an dieser Stelle erwähnt werden – nicht weit darüber hinaus. Oder fallen Ihnen spontan mehrere Lehrer aus Ihrer eigenen schulischen Laufbahn oder der Ihrer Kinder ein, die sich wirklich mit dem Thema „Lernen“ beschäftigt haben? Wahrscheinlich nicht, denn meist wird einfach nur der Stoff aus dem Lehrplan von A bis Z abgearbeitet. Die Wichtigkeit vom Zusammenhang der mentalen Fähigkeiten mit dem körperlichen Fitness-Level wird meist vollkommen ignoriert. Genau so die Tatsache, dass Lernen nur möglich ist, wenn der Kopf auch wirklich aufnahmefähig ist. Aber: ich möchte hier eine Lanze für die Lehrerinnen und Lehrer brechen. Die Forschung beschäftigt sich noch nicht allzu lange mit den Strukturen und der Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Und im Studium des Lehramts werden solche Inhalte – wenn überhaupt – nur am Rande mal erwähnt. Woher sollen sie es also wissen?

 

Die Gesellschaft für Gehirntraining (kurz: GfG) hat sich dieser Thematik angenommen und ein Programm entwickelt, um die mentale Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern zu verbessern. Dieses galt es natürlich auch zu überprüfen, denn erfinden und entwickeln kann man ja viel, wenn der Tag lang ist. Hierzu wurde das Trainingsprogramm an über 500 Schülerinnen und Schülern getestet. Verschiedene Schulformen wurden dabei berücksichtigt, sodass an Grund- und Berufsschulen sowie an Gymnasien Untersuchungen stattfanden. Das Ergebnis: über einen kurz- bis mittelfristigen Zeitraum wurde die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler durch das gezielte Arbeitsgedächtnis-Training um bis zu 52% verbessert. Wahnsinn!

 

Grundlage für die Untersuchung war ein einheitlicher Test über die Arbeitsspeicherkapazität. Hier wurde festgestellt, in welcher Geschwindigkeit eingehende Informationen aufgenommen werden konnten (Informations-Verarbeitungs-Geschwindigkeit kurz:  IVG) und wie viele Informationen gleichzeitig zur Weiterverarbeitung bewusst abgerufen werden konnten (Merkspanne).

 

Zuvor ging es ja um die wesentliche flüssige Intelligenz. Sicherlich fragen Sie sich gerade, was nun die Arbeitsspeicherkapazität mit der fluiden Intelligenz zu tun hat? Es ist ganz einfach: die Arbeitsspeicherkapazität ist die Grundlage für die flüssige Intelligenz. Ein guter Arbeitsspeicher sorgt für vielfältige logische Denkvorgänge, zum Beispiel Gemeinsamkeiten erkennen oder alte und neue Informationen miteinander verknüpfen. Stellen Sie sich mal vor, wie schrecklich das wäre, wenn diese Verknüpfung nicht stattfinden könnte. Wenn Dinge, die sich ändern, plötzlich doppelt in unserem Kopf wären. Und zwar auf zwei unterschiedliche Arten. Wenn wir zum zweiten Mal verheiratet sind, hätten wir dann stets zwei Daten des Hochzeitstages im Kopf. Weil das Gehirn nicht zwischen erster und zweiter Ehe unterscheiden könnte. Zugegeben, das ist gerade ein sehr abstraktes Beispiel. Aber ich denke, Sie wissen was ich meine.

 

Ganz wichtig an dieser Stelle und wissenschaftlich eindeutig bewiesen: sowohl die Leistungsfähigkeit der fluiden Intelligenz als auch die der Arbeitsspeicherkapazität sind veränderbar! Auch durch äußere Umstände wie einer starken Ablenkung durch andere Dinge oder auch Müdigkeit.

 

Müdigkeit und Wachheit sind auch die zentralen Punkte, wenn wir den Blick wieder auf die Schule richten. Haben Sie schon mal versucht, etwas zu lernen, als Sie total müde waren? Bestimmt! Und ganz bestimmt war es wenig erfolgreich. Das ist bei Schülerinnen und Schülern absolut nicht anders. Hierauf sollten die Lehrer vielleicht mal ein bisschen mehr Rücksicht nehmen und kurze und knackige „Aufwach-Übungen“ durchführen. Ja, davon gibt es eine ganze Menge. Eine davon sieht so aus:

 

Frühstückne win nie Koeig

Wnr frühstückt, ist lnistuegsfähignr ie Schuln, Studium ued Bnruf. Vollkorebot nethält michlich komplnxn Kohlnehydratn, din das Gnhire übnr läegnrn Znit koetieurinrlich mit Nengrgin vnrsorgne.

Quelle: GfG

 

Sieht auf den ersten Blick so aus, als wäre der Schreiber betrunken gewesen. Aber ich bin mir sicher, Sie können es trotzdem ganz gut lesen, oder? Jedoch brauchen Sie etwas mehr Konzentration. Fühlen Sie sich schon fitter?

 

Kritiker könnten nun das Argument bringen, dass überhaupt keine Zeit für solche „Spielchen“ im Unterricht zu finden ist. Natürlich. Der Stoff wird immer mehr und die Geschwindigkeit, in der er sitzen muss, immer schneller. Aber darf das wirklich als Argument zählen? Wenn wir unseren Schülern das Leben mit solchen Kleinigkeiten so viel einfacher machen würden? Man könnte es ja auch mit dem allgemeinen Lehrstoff verbinden. Zum Beispiel mit einem Buchstaben-Sammelsurium, aus denen die SchülerInnen die Namen aller schweizer Kantone legen müssen. Oder pantomimisch Aufgaben lösen. Oder, oder, oder…

 

Da das menschliche Gehirn das wohl komplexeste aller Zeiten ist, braucht es (leider?) auch ein komplexes Trainingsprogramm. Wäre ansonsten ja auch viel zu einfach. Dabei sollten fünf zentrale Bausteine in der Schule beachtet werden, um eine größtmögliche Aktivierung der „hirnischen Areale“ zu erreichen:

 

  1. Brainfood

Ein gesundes Hirn braucht gesunde Energie! Eine ganze Reihe von mehrkettigen Kohlenhydraten (vor allem in Vollkornprodukten zu finden), Eiweißen und Fetten tun unserem Gehirn richtig gut. Und nicht vergessen: viel trinken! Das Gehirn besteht aus sehr viel Wasser und dieser „Speicher“ sollte stets gefüllt sein.

 

  1. Sehen und Hören

Nur, wer die Informationen gut sieht und gut hört, kann sie vollständig aufnehmen. Deshalb sollten die Lehrer bei der Sitzordnung darauf achten, dass beeinträchtigte Kinder in der ersten Reihe sitzen.

 

  1. Wach werden

Die kleinen Aufwachspielchen, von denen bereits die Rede war, sollten fester Bestandteil des Unterrichts werden. Nur ein wacher Geist ist ein fitter Geist.

 

 

  1. Bewegen

Still sitzen? Nicht nur für Kinder eine Qual und für das Gehirn auch nicht förderlich. Und wen stört es, wenn eine Schülerin Blümchen malt, während sie aufmerksam zuhört? Und was ist gegen Kaugummi kauen einzuwenden, solang nicht lauthals geschmatzt wird? Genau! Gar nichts! Der Bewegungsfreiraum im Unterricht ist eh stark eingeschränkt, da sollten doch zumindest solch kleinen Dinge drin sein.

 

  1. Motivation

Ja, zum Lernen sollte man motiviert sein. Sonst macht es keinen Spaß  und bringt nicht wirklich viel. In der Visual- und Motivationspädagogik geschieht dies z. B. über Entspannungsübungen. Eine nachahmenswerte Idee!

 

Auch hier schaute die Gesellschaft für Gehirnforschung genauer hin. An einigen Gymnasien sollte untersucht werden, inwieweit sich die fünf genannten Bausteine auf die Leistungsfähigkeit der SchülerInnen auswirken würde. Natürlich dauerte es eine Weile, bis die Maßnahmen Anklang fanden und auch wirklich fester Bestandteil des Unterrichts waren. Aber die Erfolge waren nicht zu verachten. Die Arbeitsspeicherkapazität verbesserte sich. Die älteren Schülerinnen und Schüler schafften das sogar ohne konkrete Hilfestellungen und arbeiteten sehr selbstständig, anstatt im Frontalunterricht nur zuzuhören.

 

Wie wichtig die Arbeitsspeicherkapazität in Bezug auf die Zensuren ist, hat unter anderem ein Psychologe aus Madrid belegt. Ihm zufolge hängen die Zensuren zu mehr als 60% von der persönlichen Arbeitsspeicherkapazität ab. Ja, richtig gehört! Die verwendeten Lerntechniken spielen also nur eine untergeordnete Rolle.

 

Fazit:

Deshalb sollte sich am gesamten Schulsystem etwas ändern: Und zwar folgendes:

– Training im Bereich der Ernährung und Bewegung müssen fester Bestandteil der Schule werden.

– Bewegungen im Unterricht müssen zugelassen werden, auch oder gerade wenn sie niemanden anderen stören.

– Aktivierungsaufgaben sollten regelmäßig durchgeführt werden.

– Die Seh- und Hörfähigkeit der Kinder müssen regelmäßig überprüft werden, um darauf im Unterricht eingehen zu können.

Eigentlich alles gar nicht so schwer, oder? Ein kleiner Schritt für Lehrer, eine große Unterstützung für die Schüler. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere SchülerInnen ein gut funktionierendes Arbeitsgedächtnis und eine hohe Arbeitsspeicherkapazität haben. Dann lernen sie. Dann werden sie erfolgreich. Die heutigen Kinder werden unsere Zukunft sein!

 

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